Wenn über die Wirtschaftslage gesprochen wird, geht es meistens um das, was gerade nicht läuft: Bürokratie, Energiekosten, träge Genehmigungen, verhaltene Prognosen. Das ist nicht falsch — aber es ist eben nur die eine Hälfte. Die andere Hälfte sind die Betriebe, die trotzdem jeden Morgen aufschließen, ausbilden, investieren und ihre Kundschaft zuverlässig bedienen. Von denen gibt es am südlichen Oberrhein ziemlich viele.
Genau da setzt die Standortkampagne „Hier geht was!“ der IHK Südlicher Oberrhein an. Sie stellt jeden Monat eine Unternehmerpersönlichkeit aus der Region in den Mittelpunkt — im Juli ist das Evelyn Paul, Geschäftsführerin von office & phone. In diesem Beitrag liest Du, was hinter der Kampagne steckt, wie das Botschafter-Prinzip funktioniert, wo die Region wirklich stark ist — und was Du als kleines Unternehmen konkret davon mitnehmen kannst, auch ohne selbst auf einem Kampagnenfoto zu stehen.
„Hier geht was!“ — was hinter der IHK-Standortkampagne steckt
Gestartet ist die Kampagne am 16. Januar 2026 beim Neujahrsempfang der IHK Südlicher Oberrhein im Freiburger Konzerthaus, vor rund 1.300 Gästen. Die Idee dahinter ist unspektakulär und genau deshalb überzeugend: Statt den Blick dauerhaft auf Probleme zu richten, sollen die Stärken der Region sichtbar werden — innovative Betriebe, ein belastbarer Mittelstand, Menschen, die etwas aufgebaut haben.
IHK-Präsident Eberhard Liebherr hat das beim Start so eingeordnet: „Der Claim ist selbstbewusst gewählt. Es geht nicht um Zweckoptimismus, sondern um Überzeugung.“ Der Unterschied ist wichtig. Zweckoptimismus wäre, die Lage schönzureden. Überzeugung heißt, die Schwierigkeiten zu benennen und trotzdem darauf hinzuweisen, dass hier seit Jahrzehnten funktionierende Unternehmen entstehen.
Die Kampagne besteht aus mehreren Teilen. Der sichtbarste sind die Standortbotschafterinnen und -botschafter — bekannte Gesichter aus der regionalen Wirtschaft, die für den Anspruch der Kampagne stehen. Dazu kommt der Podcast „Boss Storys“, in dem Unternehmerinnen, Unternehmer und Kulturschaffende ihre Geschichte erzählen; die erste Folge bestritt Europa-Park-Mitgründer Roland Mack.
Evelyn Paul: Standortbotschafterin im Juli
Im Juli vertritt Evelyn Paul den Wirtschaftsstandort südlicher Oberrhein — Geschäftsführerin von office & phone Büromanagement in Freiburg. Sie hat das Unternehmen im Jahr 2000 mitgegründet und hält seither die Fäden zusammen; heute führt sie es gemeinsam mit Denise Paul.
Was daran interessant ist: office & phone ist kein Weltmarktführer und kein Start-up mit Wagniskapital. Es ist ein Dienstleistungsbetrieb mit einem überschaubaren Team, der seit über zwei Jahrzehnten für andere Unternehmen ans Telefon geht, Post bearbeitet, Buchhaltung vorbereitet und Büroflächen bereitstellt. Also genau die Art Betrieb, die den Mittelstand in dieser Region trägt — und die in Standortdebatten sonst selten vorkommt.
Dass die Wahl auf eine Frau fällt, die vor 26 Jahren mit einer klassischen Bürodienstleistung angefangen hat und heute Telefonservice, Sekretariat und Coworking unter einem Dach anbietet, passt zum Anspruch der Kampagne. Sichtbar werden sollen nicht nur die Großen, sondern die Vielfalt — vom Familienbetrieb bis zum Hidden Champion.
Was sich in 26 Jahren Büroalltag verändert hat — und was nicht
Als office & phone im Jahr 2000 an den Start ging, sah Büroarbeit anders aus. Der Anrufbeantworter war die verbreitetste Form der Erreichbarkeit außerhalb der Öffnungszeiten, Unterlagen kamen per Fax, und wer nicht am Schreibtisch saß, war schlicht nicht zu sprechen. Handys gab es, aber niemand erwartete, dass eine Handwerkerin auf der Baustelle beim zweiten Klingeln abnimmt.
Heute liegt die Messlatte woanders. Anrufende erwarten eine Antwort, und wenn sie keine bekommen, rufen sie beim nächsten Anbieter an — nicht aus Ungeduld, sondern weil es problemlos möglich ist. Parallel hat sich die Technik verändert: Neben dem klassischen Telefonservice mit echten Menschen stehen inzwischen hybride Modelle und KI-gestützte Telefonassistenten zur Auswahl, die einfache Anliegen selbstständig abarbeiten. Auch hybrides Arbeiten hat verschoben, wo Büroarbeit überhaupt stattfindet.
Erstaunlich stabil geblieben ist dagegen der Kern: Menschen wollen wissen, woran sie sind. Ein verbindlicher Rückruftermin schlägt jede Hochglanz-Website, und ein freundlicher Mensch am Telefon bleibt bei den meisten Anliegen die Lösung, mit der Kundschaft am zufriedensten ist. Die Werkzeuge ändern sich schneller als die Erwartungen dahinter — das ist eine Erfahrung, die sich in über zwei Jahrzehnten Bürodienstleistung ziemlich zuverlässig wiederholt.
Was Standortbotschafterinnen und -botschafter eigentlich tun
Das Prinzip ist einfach: Jeden Monat steht eine andere Persönlichkeit stellvertretend für den Standort. Sie erzählt ihre Geschichte, benennt, was hier gut läuft, und sagt auch, was besser laufen müsste. Es geht nicht um Werbung für das eigene Unternehmen, sondern darum, ein realistisches Bild der regionalen Wirtschaft zu zeichnen.
Die bisherigen Botschafterinnen und Botschafter zeigen, wie breit das gedacht ist:
- Viktoria Fuchs — Spitzenköchin im Hotel Spielweg im Münstertal
- Birte Hackenjos — Geschäftsführerin der Haufe Group
- Dr. Dorothea Helmer — Mitgründerin des Freiburger Start-ups Glassomer
- Roland Mack — Mitgründer des Europa-Parks
Gastronomie, Verlagswesen, Materialforschung, Freizeitwirtschaft — und mit office & phone eine Bürodienstleisterin. Was die Beiträge verbindet, sind weniger Erfolgszahlen als Haltungsfragen: Wie hältst Du ein Team zusammen? Warum bildest Du aus? Was hält Dich hier, obwohl anderswo manches einfacher wäre? Der stellvertretende IHK-Hauptgeschäftsführer Alwin Wagner bringt den Ausgangspunkt schlicht auf den Punkt: „Wir haben tolle Unternehmen und jede Menge Stärken am südlichen Oberrhein.“
Was den südlichen Oberrhein wirtschaftlich stark macht
Im Bezirk der IHK Südlicher Oberrhein sind mehr als 75.000 Unternehmen und Betriebe tätig — von Freiburg über den Breisgau bis in die Ortenau. Die Struktur ist dabei entscheidender als die reine Zahl: hohe Branchenvielfalt, ein verwurzelter Mittelstand mit ordentlicher Investitionskraft und auffallend viele Hidden Champions, die in ihrer Nische weltweit vorne mitspielen, vor Ort aber kaum jemand kennt.
Diese Mischung ist ein echter Standortvorteil. Wo viele mittelgroße Betriebe aus unterschiedlichen Branchen nebeneinander wirtschaften, trifft eine Branchenflaute nicht sofort die ganze Region. Für kleine Dienstleister heißt das außerdem: Die Kundschaft sitzt oft in Fahrweite, Empfehlungen sprechen sich herum, und Netzwerke funktionieren noch über persönliche Kontakte statt über Ausschreibungsportale.
Der zweite Vorteil ist die Lage. Der südliche Oberrhein grenzt an Frankreich und die Schweiz, Basel und Straßburg sind nah. Das bringt Fachkräfte, Kundschaft und Lieferbeziehungen über die Grenze — und für Betriebe, die international arbeiten, kurze Wege in zwei Nachbarmärkte.
Dazu kommt ein Punkt, der in Standortvergleichen gern untergeht: die Ausbildungsleistung der kleinen und mittleren Betriebe. Es sind selten die Konzerne, die in der Fläche ausbilden, sondern Handwerksbetriebe, Praxen, Kanzleien und Dienstleister mit zehn oder zwanzig Beschäftigten. Beim Kampagnenstart hat Standortbotschafterin Viktoria Fuchs genau darauf hingewiesen: „Man muss nicht studieren, eine Ausbildung ist genauso wertvoll.“ Für eine Region, die ihren Fachkräftebedarf zu einem guten Teil selbst deckt, ist das keine Nettigkeit, sondern eine wirtschaftliche Grundlage.
Ehrlich bleiben: Was eine Kampagne nicht wegzaubert
Eine Standortkampagne ändert nichts an den Punkten, die Unternehmen hier tatsächlich bremsen. Die IHK selbst benennt sie deutlich: Bürokratie, langsame Entscheidungen der Behörden sowie hohe Kosten für Energie, Arbeit und Steuern. Die Konjunkturumfragen zeigen zuletzt nur leicht verbesserte Erwartungen — von Aufschwung kann keine Rede sein.
Wer einen kleinen Betrieb führt, merkt das an anderer Stelle als in der Statistik: Dokumentationspflichten, die Zeit fressen. Genehmigungen, die sich ziehen. Nachweise, die dreifach eingereicht werden wollen. Nichts davon verschwindet, weil eine Kampagne läuft.
Was eine Kampagne leisten kann, ist begrenzter — aber nicht wertlos. Sie verschiebt den Blickwinkel: weg von der Frage, was alles schwierig ist, hin zu der Frage, was hier trotz allem entsteht. Für Unternehmen, die sich seit Jahren durch dieselben Widrigkeiten arbeiten, ist das mehr als Kosmetik. Und für die Politik ist es ein Argument, das schwerer wiegt als eine weitere Beschwerdeliste: Hier gibt es etwas, das sich zu erhalten lohnt.
Was kleine Unternehmen daraus mitnehmen können
Du musst nicht Standortbotschafterin werden, um von dem Prinzip zu profitieren. Drei Dinge lassen sich auch im Kleinen umsetzen.
Sichtbarkeit ist Arbeit, keine Glückssache
Die Betriebe, über die gesprochen wird, sind selten die lautesten — aber fast immer die, die überhaupt etwas von sich erzählen. Ein gepflegter Eintrag im IHK-Verzeichnis, ein aktuelles Firmenprofil, ein Kundenprojekt, über das Du öffentlich sprichst: Das kostet Stunden, keine Werbebudgets.
Netzwerke funktionieren hier noch persönlich
IHK-Veranstaltungen, Gewerbevereine, Coworking-Spaces — in einer Region mit dieser Betriebsdichte entstehen Aufträge oft über zwei Ecken. Wenn Du wissen willst, wo sich das in Lahr und Umgebung konkret anbietet, findest Du eine Übersicht in unserem Beitrag zu Coworking in Lahr und der Ortenau.
Erreichbarkeit entscheidet, ob Sichtbarkeit etwas bringt
Das ist der Punkt, der in der Praxis am häufigsten kippt. Sichtbarkeit sorgt dafür, dass jemand anruft. Wenn dann niemand rangeht, war die ganze Mühe umsonst. Gerade Solo-Selbstständige und kleine Teams verlieren hier regelmäßig Anfragen, ohne es überhaupt zu merken. Ein Telefonservice oder ein ausgelagertes Sekretariat ist keine Frage der Betriebsgröße, sondern eine Frage davon, wie viele Anrufe Du Dir entgehen lassen kannst.
Fazit
„Hier geht was!“ ist keine Imagepolitur, sondern der Versuch, ein realistischeres Bild der regionalen Wirtschaft zu zeichnen — mit allen offenen Baustellen, aber ohne den Reflex, zuerst über Probleme zu reden. Dass im Juli mit Evelyn Paul eine Bürodienstleisterin aus Freiburg den Standort vertritt, zeigt, worum es dabei geht: nicht um die größten Namen, sondern um Betriebe, die seit Jahren verlässlich ihre Arbeit machen.
Für Dich als kleines Unternehmen liegt der praktische Wert weniger in der Kampagne selbst als in dem, was sie sichtbar macht: Diese Region trägt kleine und mittlere Betriebe. Wer hier gefunden wird, erreichbar ist und sich vernetzt, hat gute Voraussetzungen — Konjunkturlage hin oder her.